Thomas Galler, Erich Weiss

4.6.-8.8.09

 

Erich Weiss und Thomas Galler sind beide Meister der ‹Appropriation›: Fundstücke werden zu Versatzstücken ihrer Arbeiten und treten als Readymades oder als Teile eigener Schöpfungen in Erscheinung. Jeder hat ein grosses, eigenes Oeuvre vorzuweisen, sporadisch arbeiten sie aber immer wieder zusammen. In der aktuellen Ausstellung ist es eine Videoarbeit, für die die Künstler als Autoren zeichnen. Sie beruht auf dem Song ‹Bela Lugosi is Dead› der Rockband ‹Bauhaus› und erweist Bela Lugosi eine Art letzte Ehre. Wegen seines Osteuropäischen Akzents und seiner besonderen physischen Erscheinung wurde Lugosi zum Inbegriff eines Vampirdarstellers in Hollywood. Im Gegensatz zu seinem beruflichen Erfolg, war sein Privatleben voller Tiefschläge, geprägt von Alkohol und Drogen. Auf dieser tiefgründigen Doppelbödigkeit basiert die gezeigte Arbeit; sie ist einerseits ein schönes, ‹balladeskes› Musikvideo – und wirft andererseits sozio-kritische Themen auf.

Thomas Gallers Werke pendeln gekonnt zwischen eigenen Fotografien, ‹Readymades›, ‹Appropriation Art› sowie ‹Found Footage› und loten ständig die Rezeption von Realität und Fiktion neu aus. Mittels intensiver Recherchen fahndet er nach spannenden ‹Fundstücken›, die er oft aufwändig bearbeitet und neu kontextuiert. Auch vereint er vermeintlich losgelöste Einzelstücke verschiedenster Provenienz und Medien zu plausiblen, fast schon notwendig erscheinenden Kombinationen, und lädt sie dabei inhaltlich mehrfach auf. Im Zentrum steht sicherlich die Soundinstallation ‹MANIFESTO›. Der Text ‹S.C.U.M. (Society for Cutting Up Men) Manifesto› von Valerie Solanas gilt als eine der radikalsten und männerfeindlichsten Schriften des Feminismus der 60er Jahre. Thomas Galler lässt den stark emotional aufgeladenen Text von einer unpersönlichen Computerstimme (‹Alex› aus dem ‹Text-to-speech›-Programm von Mac OSX) sprechen. Die monoton aneinander gereihten Wortfetzen entstellen den ursprünglich kämpferischen Charakter und verweisen so in die zum Teil hilflosen Feminismusdebatten des 21. Jahrhunderts. ‹Demonstrations, Manifestations & Riots› und ‹Ecstatic Fire› entstanden aus der Bildersammelwut des Künstlers. Jeden Tag durchforstet er Zeitungen, Zeitschriften sowie das Internet nach ihn thematisch interessierenden Bildern. Während die erste Arbeit unzählige Aufnahmen von Demonstrationen und Aufständen umfasst und museal in einer Vitrine gezeigt wird, ist letztere eine flimmernde Filmanimation mit brennenden Flaggen. Beide sind stark politisch - wie alle Arbeiten Gallers aber auch sehr ästhetisch konzipiert.

Erich Weiss Arbeiten drehen sich immer um Geschichten, Erzählungen oder Mythen, die er in eindrücklicher Weise verwebt und zu einem neuen Ganzen zusammenstellt. So untersuchte er Bücher Baudelaires oder Murakamis und fand für sie einen neuen, oft verblüffenden Kontext. Indem er meist ‹Found Footage›-Materialien in seine Werke einbaut, ergibt sich ein dichtes Konglomerat aus Realität und Fiktion. Vielschichtig versteht es der Künstler, ein Thema zu umkreisen, mal enger, mal weiter, ähnlich einem Tänzer, dessen Schrittfolgen einmal klar voraussehbar, dann auch wieder unerwartet überraschend sein können. Sein Interesse gilt stets den gleichen Themata, etwa der ‹Schönheit›, der Suche nach der ‹Femme Fatale› oder auch Fragen nach Vergänglichkeit und Tod. Die neuesten Arbeiten zitieren bewusst Werke der Gegenwartskunst und verführen die BetrachterInnen mit doppelten Böden und allerlei Fallstricken. Erich Weiss zieht dabei alle Register, die ausgestellten Bodenarbeiten erinnern an Carl Andre oder die Schriftbilder an Lawrence Weiner. Die skurril-doppelbödigen Collagen orientieren sich klar an dadaistischen und surrealistischen Vorbildern. ‹Blood Spilt for Nothing›, eine aus glitzerndem Glimmerschnipseln auf den Boden gelegte Textarbeit verweist einerseits auf Blutspritzer und Zerstörung, liegt andererseits mit ihrer schillernden Präsenz im Spannungsfeld von Hyperästhetik, Design Fashion oder ‹Splattermovie›. Durchs minutiöse Ausstreuen auf den Boden zeigt der Künstler die Ambivalenz zwischen Konzeptkunst und deren ‹materiellen› Umsetzung meisterhaft auf.

Bernhard Bischoff, Mai 2009