‹Procedure› - Annaïk Lou Pitteloud

27.11.09–9.1.10

 

Die zweite Einzelausstellung von Annaïk Lou Pitteloud vereinigt eine grössere Werkgruppe mit Arbeiten aus den letzten beiden Jahren. Annaïk Lou Pitteloud ist eine Meisterin der Komposition und Narration und verblüfft mit fotografischen Inszenierungen einer faszinierenden, vermeintlich realen Welt. Sie lässt die BetrachterInnen im Ungewissen – ob die Bilder zufällige Momentaufnahmen sind oder komplexe Stillleben unserer Gesellschaft, lässt sie bewusst offen. Perfekt beherrscht sie das Spiel mit Licht und Raum. Immer sind es wunderbar beleuchtete, nebulöse Situationen, auf keinem der Bilder scheint die Sonne. Und so stehen Tag- und Nachtbilder gleichwertig nebeneinander, eingefroren im unfassbaren, diffusen Lauf der Zeit. Dieses ‹Diffuse› zieht sich durchs ganze Werk, und es sind genau diese Zwischenräume menschlicher Existenz, die immer wieder faszinieren.

Sie versteht es, Unorte aufzuspüren, diese vordergründig bloss zu dokumentieren, sie dann aber inhaltlich komplett neu zu besetzen. Triste Büroräume, öde Hinterhöfe oder dunkle Spelunken sind die Schauplätze der Inszenierungen. Aufwändig recherchiert sie Orte, die sie in mehreren Arbeitsschritten immer wieder besucht und fotografiert, um die so entstandenen, verschiedenen Ebenen zu einem neuen Ganzen zu formen. Aus den Unorten werden strahlende Bühnen des Lebens und Kulissen für spannende Geschichten. Zum Teil arbeitet sie mit feinen Perspektivenwechseln und lenkt den Blick unvermittelt in eine ganz andere Richtung. Man lässt sich gerne treiben, die Blicke schweifen über die Szenen und erkunden die vielen Schichten. Die grossen Platzansichten sind Panoptica, vergleichbar mit den Panoramen des 19. Jahrhunderts. Minutiös wird Detail an Detail gesetzt und eine Szenerie komponiert, der man sich nicht entziehen kann.

Die Werke operieren vielschichtig am Nerv der Zeit und kokettieren mit der Kunstgeschichte ebenso leicht, wie mit dem allgegenwärtigen Lifestyle. So drängen sich Vergleiche sowohl mit Trend-Magazinen von heute, als auch Altmeistergemälden förmlich auf. Sie konstruiert in ihren Fotografien eine eigenständige, faszinierende und vermeintlich reale Welt. Die Bilder sind eher als filmische ‹Screenshots› zu lesen, denn als Fotografien – auf jeden Fall sind es theatrale Guckkästen, die sich vielschichtig vor uns ausbreiten. Mit ihren visuellen Irritationen durchbricht sie ständig Mikro- und Makroebenen, zoomt heran, blendet aus oder unterstreicht. Annaïk Lou Pittelouds Arbeiten ecken an, denn sie legen soziale Gefüge schonungslos offen und arbeiten dabei paradigmatisch mit Themata wie Angst, Hoffnung, Sehnsucht oder Romantik.

Bernhard Bischoff, November 2009