12.2020

Reto Leibundgut

‹Grace›

30.10. – 28.11.2020

 

 

Reto Leibundgut, «ohne Titel», 2020, Ölkreide auf Papier, 161 x 157 cm
Reto Leibundgut, «Eisenhut», 2020, Pflanzen, Klebeband, Farbe, 54 x 74 cm
Reto Leibundgut, «o.T.», 2020, Teppich, Farbe, Holz, 175 x 243 cm
Reto Leibundgut, «Kraniche», 2016, Gobelin, Plexiglas, 67 x 68 cm
Reto Leibundgut, «Melde», 2020, Pflanzen, Klebeband, Farbe, 52 x 42 cm
Reto Leibundgut, «Möhre», 2020, Pflanzen, Klebeband, Farbe, 60 x 50 cm
Reto Leibundgut, «Ampfer», 2020, Pflanzen, Klebeband, Farbe, 52 x 38 cm
Reto Leibundgut, «Mein Herz», 2019, Leder, 44 x 25 cm
Reto Leibundgut, «o.T.», 2020, Stoff, 280 x 360 cm
 

Reto Leibundgut ist 1966 in Büren zum Hof, Bern geboren lebt und arbeitet in Basel und Thun. Seit dem Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit beschäftigt sich der Künstler ausschliesslich mit gebrauchtem, altem “Material”. Er ist ein wahrer Materialliebhaber: Abfallholz, Spanplatten, Furnierholz, Leder, Plastik oder Textilien und Teppiche, alles wird sorgfältig gesammelt und weiterverwertet. Die umfangreichen “Material(an)sammlungen” machen denn auch die Essenz seiner Arbeiten aus. Aufwändig werden die verschiedenen Materialien verarbeitet und in einen neuen Kontext gestellt. Das Vulgäre wird zur Kunst gemacht, ebenso wie das billige Holz veredelt wird. Inhaltlich recycliert er nicht nur Material, sondern auch Bilder. Als Vorlagen dienen ihm etwa alte Gobelinstickereien, Stills aus Pornofilmen oder Fotografien. Mittels traditionellen, vermeintlich verstaubter Techniken, wie Intarsien oder Stickereien, werden Inhalte in eine neue Dimension transferiert und gewohnte Sehweisen hinterfragt.

Bei allen Arbeiten Reto Leibundguts handelt es sich um Kunst mit einer verwirrenden Direktheit, um Kunst, die sich alter Materialien und Techniken bedient und trotzdem höchst aktuell ist. Er führt uns an der Nase herum und evoziert mit der vermeintlichen Perfektion ein nicht zu leugnendes Unbehagen. Auf der einen Seite ziehen die minutiös gearbeiteten Stücke angenehm an, auf der anderen Seite wird man durch die rohe, grobe Machart oftmals abgestossen.

Weiter geht es in der Frauennamenreihe mit Grace. Damit deutet der Künstler die Oszillation zwischen Gnade und Grazie an, die heftige Umwandlung und Veränderung von Gegenständen in eine neue, erhabene Form und Erscheinung. Reto Leibundgut knüpft mit einer grossen Stoffarbeit an seine letzte Ausstellung in der Galerie an. Ein grosser Teppich wird diesmal nicht zerschnitten und neu arrangiert, sondern mit fast 5kg Farbe übermalt und skulptural als Paravent im Raum aufgestellt. Ein alter, zerschnittener Vorhang fügte er zu einem grossformatigen Materialbild zusammen, dessen spiralförmige Anordnung der Ornamente eine unglaubliche dynamische Kraft und visuelle Saugwirkung entwickelt. Spektakulär ist auch eine für Leibundgut neue Arbeit mit Fettkreidestiften: Ist es eine stilisierte Comicfigur oder sind es psychedelische Farbenspiele, die vom Grossformat her eindrücklich den Raum beherrschen?

Weiter sind erstmals als Werkgruppe neuartige «Herbarien» zu sehen, minutiös hinter Glas komponierte Stillleben aus gesammelten und getrockneten Gräsern, Blumen, Kräutern und Blättern. In ihrer raffinierten Machart erinnern sie an Zeichnungen, geometrischen Abstraktionen, die mit den zum Teil verwendeten Heilkräutern oder Giftpflanzen eine aufgeladene, neue metaphysische Bedeutung erhalten.