08.2020

‹Zeitzeichen›: Rudolf Blättler, Kotscha Reist

24.3.-13.5.06

Zwei Positionen treffen aufeinander, ergänzen sich, reiben sich aneinander, sanft, tastend. Beide bewegen sich in der Zeit und schaffen Zeitloses. Einem Zeichen gleich bleiben Werke zurück, die ausstrahlen auf unser Leben, Sinnbild und Ausdruck einer Zeit, eines Moments. Zwei Künstler, der eine, Kotscha Reist, Maler, der andere, Rudolf Blättler, Bildhauer und Zeichner. Während Kotscha Reists Referenzen Fotografien, meist aus Zeitungen und Zeitschriften, aber auch eigene oder gefundene, sind, sind es bei Rudolf Blättler archetypische Urmotive, wie Frau oder Mann, die kraftvoll modelliert eine unglaubliche Präsenz markieren.

Rudolf Blättlers Figuren wirken oft naiv-verklärt und erinnern an Götterstatuen oder afrikanisch-ozeanische Schnitzfiguren. Daneben zeigt er luzide Zeichnungen mit Chinatinte, leichthändige Pinselmalereien. Körperfragmente sind klar erkenntlich, welchen Geschlechts sie sind, lässt der Künstler oftmals offen. Die erdigen Farbtöne zeugen von Blättlers Suche nach dem ‹Ursprünglichen› in der Kunst. Seine Reisen durch Länder mit alten Hochkulturen liess ihn ein Repertoire einer allgemeingültigen Formensprache entwickeln, die fortan das zeichnerische und plastische Werk prägt. Grosszügige Formen, ausladende Körper lassen einen eintauchen in diese uns eigentlich vertraute und doch so ferne Welt. In Bern zu sehen sind acht Bronzeskulpturen, kräftige Frauenakte in stehender, kauernder und liegender Haltung. Die Plastiken sind mythische Frauenbilder, ein Gegenpol zur Hochglanzdarstellung von Frauendarstellung im heutigen Werbezeitalter.

Kotscha Reist zeigt neue Ölbilder auf Leinwand oder Baumwolle. Immer liegen den Bildern Fotovorlagen zu Grunde, die der Künstler frei interpretierend und manchmal auch variierend auf den Bildträger bringt. Mal schemenhaft zurückhaltend, mal kraftvoll inszeniert, breitet sich vor den BetrachterInnen ein Kosmos von Aktualität und Historie aus. In Bern sind zum ersten Mal neue Bilder zu sehen, bei denen er mittels geometrischer Eingriffe ins Bildgeschehen die Gegenständlichkeit durchbricht und hinterfragt, ähnlich wie schon bei älteren Arbeiten. In Reists Werk finden sich Landschaften und Interieurs gleichberechtigt neben figurativen Motiven. Auf der einen Seite können die Bilder eine Sicht in einen Mikrokosmos bedeuten, auf der anderen eine fast makrokosmotische Darstellung der Welt. Ein- und Durchblicke nehmen eine zentrale Stellung ein; oftmals wirken die Figuren wie festgefroren in Raum und Zeit, als Momentaufnahme aus einem Zusammenhang gerissen und in eine neue Welt gebracht.

Bernhard Bischoff, März 2006