3.12.05–21.1.06

‹[ . . . ]› steht für eine Lücke in einem Text, für Unaussprechbares oder Unausgesprochenes, für Verborgenes, Geheimnisvolles, für Mögliches oder Unmögliches. Die aktuelle Ausstellung ‹schweigt› nicht: Alle gezeigten Werke haben mit ‹Text/Wort› zu tun, einem vielschichtigen Thema, dem sich die Künstlerinnen und Künstler mit vielerlei Medien (Malerei, Fotografie, Video, Skulptur und Zeichnung) nähern. ‹Kunst und Wort›, spannend und hintergründig zugleich.

Ruth Buck zeigt erstmals ihre gesammelte, anatomische Lyrik komplett. Als Diaprojektion erscheinen 80 Wortpaare, die sich auf Körperteile oder Organe beziehen. Von ‹Augen-Lid› bis ‹Zungen-Spitze› hat Buck witzige, aber in Gebrauch stehende Wörter ausfindig gemacht und projiziert sie in einer Diaschau an die Wand. Dazu ist die Zeichnungsserie ‹Welcome› zu sehen, Fragmente von Händen, bzw. Fingern, die wegen ihrer reduzierten Form stark an eine unbekannte Zeichensprache erinnern.

Das Künstler-Duo COM & COM ist mit drei Werkgruppen vertreten. Einerseits sind da die ‹Dicta›, das heisst Sinnsprüche, die mit vordergründig oberflächlichen, dafür bei genauerem Lesen umso hintergründigeren Aussagen zum Nachdenken anregen, andererseits hinterfragen die Künstler mit ‹Skulls of the Artists›, ihren eigenen, dreidimensional gescannten Schädeln, das künstlerische Selbstverständnis ebenso, wie mit den Fotografien aus der Rennfahrer-Musikpersiflage ‹Side by Side›.

Die Videos von Bernhard Huwiler verblüffen mit ihrer Einfachheit und ihrem Witz. Einmal versucht der Künstler ein objektiv schönes Kunstwerk zu schaffen, indem er möglichst langsam das Wort ‹Sch-ö-n› ausspricht, dann filmt er einen sprechenden, grünen Papagei, dessen Aussage ‹My Favored Color is Green› fast schon absurd wirkt. Zwei Ölgemälde runden Huwilers Ausstellungsbeitrag ab: Selbstporträts beim Sprechen der Buchstaben ‹A› und ‹O›.

Reto Leibundgut liess acht Frauen nackt posieren. Auf einem eigens aus Altmaterial gefertigten Set versuchen die Frauen auf zwei Ebenen Buchstaben darzustellen, die zusammen ein Wort ergeben. ‹Sex Sells› bringt das Spiel der Körperbuchstaben auf den Punkt. Seine Blumen-Intarsien aus gesammeltem Abfallholz, ausgehend von gefundenen Blumengobelins grob ins Holz geschnitten, zeugen von Leibundguts Vernarrtheit in alte und abgegriffene Materialien.

Im Zentrum von Verena Schwabs Arbeiten steht zweifellos die Videoinstallation ‹Verfallstudie – Erstarrung›, in der die Künstlerin die Wahrnehmung eines realen Lotusblattes und eines gefilmten hinterfragt. Der wunderbare, von Schwab selbst gesprochene Text lässt die Arbeit weiter in Poesie versinken. Schwarz-weisse Fotografien eines Lotusblattes erinnern an asiatische Tuschemalerei oder an Bilder einer vergangenen Epoche.

‹Apocalypse› steht in grossen Lettern geschrieben. Dominik Stauch hat sie als Mobile in den Raum gehängt. Besucherinnen und Besucher bewegen sich zwischen und unter der vermeintlichen Apokalypse, werden sich so des eigenen Untergangs oder der eigenen Wertigkeit besonders bewusst. Die einsetzenden Gedankenflüge sind in den ‹Flugversuchen› Stauchs auch materiell umgesetzt. Endlosschlaufen lassen die Sinne kreisen, man kann quasi eintauchen in eine erweiterte Sphäre.

Bernhard Bischoff, Dezember 2005