Mit ‹Jumping Reality› zeigt die Galerie eine erste thematische Schau mit der in Berlin lebenden Künst-lerin Andrea Loux und den Künstlern Andrea Crosa aus Genua und Laurent Schmid aus Bern/Genf. ‹Realität› ist und war in der bildenden Kunst immer schon ein entscheidender Faktor, bildet sie doch einen Filter, durch den das, was uns umgibt, abgebildet wird. Dazu kommen imaginierte Zustände, die, obwohl reine Gedankengebilde, zur versponnener Lebensrealität werden können. So gibt es zwar nur eine objektive ‹Realität›, aber unzählige Wahrnehmungen davon. In ‹Jumping Reality› geht es um diese differenzierte Wahrnehmung von ‹Realität›, um das Spiel mit vertrauten und doch in einen neuen Kontext gestellten Wahrnehmungsgewohnheiten sowie teilweise um ein Eintauchen in eine mikrokosmotische Dimension. Das Hüpfen der ‹Realität› oder das Überspringen derselben bildet dabei den unverkrampften Zugang zur Thematik.

Andrea Loux’ Zeichnungen und Collagen wirken wie Bühnenbilder, in denen sich Protagonistinnen und Protagonisten der letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts tummeln. In Wohnkatalogen der 70er und 80er Jahre findet sie die Motive, die sie gekonnt überarbeitet und damit eine überraschende und verblüffende Szenerie schafft. Die Bilder sind uns allen vertraut, auch wenn sie oft bloss Reminiszenzen an vergangene Tage sind. Menschen tummeln sich in den Werken, beleben von der Künstlerin neu geschaffene Räume. Mit komplexen Überarbeitungen von vorgefundenem Bildmaterial, gelingt es Andrea Loux, spannende Geschichten zu erzählen und die Betrachterinnen und Betrachter in neue Welten zu entführen.

Andrea Crosas Installation ‹Metropoli da Camera›, bestehend aus dreidimensionalen, bemalten Häusern und Helikoptergeräuschen, vermittelt den Eindruck, als ob die Besucherinnen und Besucher förmlich in Vogelperspektive über eine gebaute Siedlung fliegen würden. Vordergründig befasst sich der Künstler mit einer puppenstubenhaften Verniedlichung der Malerei, bei der es aber im Kern um Fragen von Stadtentwicklung und Alltagsleben geht. Seine Interieurs, gemalte und zusammengefügte, einzelne Möbelstücke, wirken täuschend echt, entpuppen sich aber als ‹Trompe-l’œil-Gebilde›. Besonders spannend sind seine gemalten Helikopter; letztere scheinen wie Albträume über Häusern und Möbelstücken zu schweben.

Laurent Schmid rundet die Ausstellung mit einer mehrteiligen Installation ab, die sich mit dem geheimnisvollen Thema von Decknamen und verschobener Identität befasst. Da sind zuerst die Wandmalereien, bei denen es um die chinesischen ‹Sans-Papiers› in Paris geht. Tausende chinesischer Immigranten hausen in der Seinestadt und führen ein Leben, das parallel oder im Untergrund zum ‹normalen› Alltag abläuft. Mit Wortspielen, die phonetisch dem Chinesischen entsprechen, erreicht er einen Diskurs, an der Grenze von Tragik und Komik. Zudem zeigt Laurent Schmid eine Serie mit Tusche überarbeiteter Fotografien, allesamt kitschig anmutende Sonnenuntergänge, die mehrschichtig das komplexe System von Decknamen beleuchten.

Bernhard Bischoff, Juli 2005