‹Paris-Tokyo› - reality belongs to everyone: Erich Weiss

21.03.–1.5.04

Die aktuelle Ausstellung ist dem Belgischen Künstler Erich Weiss gewidmet. «Paris-Tokyo» zeigt Arbeiten aus den beiden letzten Jahren und von zwei wichtigen Stationen. Im Zentrum stehen dabei Fotografien, die auf ausgedehnten Spaziergängen entstanden sind. Der Künstler durchforstet die Grossstadtdschungel im Sinne des dandyhaften, baudelaire’schen «Flaneurs». Mit einer Kleinbildkamera hält er Besonderheiten und kuriose Entdeckungen fest, indem er in die Menge eintaucht und versucht, selbst Teil von ihr zu werden. Weiss geht andauernd der Frage nach, was es ausmacht, dass eine Person, ein Gegenstand oder ein Gebäude aus der übermächtigen Menge überhaupt herausragen kann. Für ihn sei es die andauernde Faszination, jemanden oder etwas aus der Masse – diesem undefinierbar Wogenden, Bewegenden und unendlich Flüchtigen – herauszulösen, zu isolieren und schliesslich fotografisch festzuhalten. Bei seinen Streifzügen sieht er sich als touristenhaften Paparazzo, der mit seiner Kamera Momentaufnahmen des Geschehens dokumentiert. Einem Voyeur gleich erobert er ständig Bilder. Er bezeichnet sich selbst als fast kriminell, sammelt er doch «Intimität», die sich in der Menge vermeintlich geborgen fühlt. Weiss appropriiert die Bildsprache von Mode und Werbung, idealisiert Schönheit und hebt sie damit auch auf den Sockel der Unzugänglichkeit.

Die im wahrsten Sinne des Wortes «unfassbare» Dimension Tokyos, mit all ihren Facetten und Widersprüchlichkeiten, liess Weiss auf Haruki Murakamis Spuren nach dem «100% perfect girl» suchen. Schnappschüsse, Überraschungen, aufgemischt mit allerlei Zufälligkeiten, zeigen ein vielfältiges Frauenbild aus der Millionenmetropole: Auf der einen Seite zelebrierte Tradition, auf der anderen Seite Cyberspaceallüren vielleicht gefallener Engel.

In Paris verfolgte er im Sinne Baudelaires eine ähnliche Strategie. Für «when words become form» besuchte er Orte, die in der französischen Literatur vorkommen, und suchte dort nach möglichen AkteurInnen für eine virtuelle Begegnung Fiktion-Realität. Mit den Bildern versucht er das «Mapping», die örtliche Struktur, zu knacken, nach dem das Buch einmal verfasst wurde. Seine Spaziergänge führen zu einem unweigerlichen Dialog zwischen dem «Früher» und dem «Heute». Die Texte werden sodann aufgelöst durch die Bilder, sie verlieren ihre Referenzen und Erzählkraft an die Fotografie – ähnlich, wie die gedachten Bilder verfilmter Romane.

Eine Textarbeit verbindet die beiden Ausstellungsräume – ein kurzes Statement wird auf Japanisch übersetzt und kalligraphisch umgesetzt. «reality belongs to everyone» wird zum Sinnspruch der ganzen Ausstellung

Bernhard Bischoff, März 2004