‹Panorama› Michael von Graffenried, Annaïk Lou Pitteloud

28.11.07-20.1.08

Michael von Graffenried zeigt in der Ausstellung Arbeiten aus den letzten 10 Jahren. Immer wieder taucht er an vorderster Front ins wahre Leben ein, entlarvt schonungslos Missstände, amüsiert mit süffisanten Pointen und zelebriert dabei eine eigenwillige Ästhetik. Seine Panoramaaufnahmen zeugen von den zahlreichen Reisen in Europa, Afrika, Asien oder Amerika. Als profunder Kenner Nordafrikas hat er der ‹säkular-religiösen› Gesellschaft mehrmals auf den Zahn gefühlt. Mit seiner 2007 entstandenen Serie ‹Inside Cairo› etwa konfrontiert er die BetrachterInnen mit Momentaufnahmen aus dem Staat am Nil. Ob der bärtige Metzger oder die Polizisten in Vollmontur, die Bilder ziehen an, schockieren und lassen zahlreiche Fragen aufkommen. Dass die Fotografien mehr als bloss Schnappschüsse sind, sondern ein riesiges Konfliktpotential bergen, zeigt die Tatsache auf, dass niemand, weder Museen, noch Galerien, in Kairo die Bilder ausstellen wollte. Nur die nubischen Gastarbeiter auf einer Dachterrasse willigten ein, sie öffentlich zu zeigen. Auch dort war es aber zuletzt nur dank MvGs Hartnäckigkeit möglich, die Ausstellung zu eröffnen. Der Künstler fotografiert oft mit einer speziellen Panoramakamera, die er, ohne durch den Sucher zu blicken, bedienen kann. Diese Technik erlaubt es ihm, Menschen aufzunehmen, ohne, dass sie sich dessen bewusst sind. Nur so kann er das Geschehen so unmittelbar dokumentieren, und nur so entstehen Werke mit dieser verblüffenden Direktheit.


Im Gegensatz zu MvG konstruiert Annaïk Lou Pitteloud eine eigenständige, faszinierende und vermeintlich reale Welt. Sie ist eine Meisterin der Komposition und Narration und verblüfft stets aufs Neue mit ihren Inszenierungen. Aufwändig recherchiert sie Orte, die sie in mehreren Arbeitsschritten immer wieder besucht und fotografiert, um die verschiedenen Ebenen dann zu einem neuen Ganzen zu formen. Sie versteht es, Unorte aufzuspüren, diese vordergründig bloss zu dokumentieren, sie dann aber förmlich auratisch aufzuladen. Dunkle Hinterhöfe werden so zu strahlenden Bühnen des Lebens, schlecht beleuchtete Strassenzüge zu unwirklichen Kulissen für spannende Geschichten. Ihre Bilder sind schon beinahe als filmische ‹Screenshots› zu lesen, auf jeden Fall als theatrale Guckkasten. Sie beherrscht das Spiel mit dem Licht; Bezüge zu Altmeistergemälden aus Renaissance und Barock drängen sich logisch auf. Stets lässt sie einem im Ungewissen, ob die Inszenierungen zufällige Mo-mentaufnahmen sind oder aber eine Form moderner Stillleben unserer Gesellschaft. Mit ihren visuellen Irritationen durchbricht sie ständig Mikro- und Makroebenen, zoomt heran, blendet aus oder unterstreicht. Annaïk Lou Pittelouds Werke operieren vielschichtig am Nerv der Zeit. Sie kokettieren mit der Kunstgeschichte ebenso leicht, wie mit der Zeitgeschichte oder dem allgegenwärtigen Lifestyle, sie hinterfragen soziale Gefüge und arbeiten paradigmatisch mit Themata wie Angst, Hoffnung, Sehnsucht oder Romantik.


Bernhard Bischoff, November 2007



>>> Kornhausforum Bern : Michael von Graffenried ‹Our Town›, 28.11.07-14.1.08     

Michael von Graffenried besuchte die in North Carolina gelegene Stadt ‹New Bern›, gegrün-det 1710 von einem entfernten Verwandten, Christopher von Graffenried. Entstanden ist ein Porträt einer amerikanischen Provinzstadt, das stark am oft propagierten Hochglanzimage Amerikas kratzt...